"Bad Bollywood“ – Indisches Filmfestival
Nein, das Seminar begann am Freitagabend nicht mit einem Film. Der praktische Einstieg kam durch die Erzählungen einer Statistin in Bollywood-Filmen.
Corinna Küßner war schon häufiger nach Indien gereist. Eines Tages stand sie
mit ihrem indischen Freund vor einem Laden als ein Mann auf einem Motorrad
vorfuhr und sie fragte, ob sie nicht einen Film drehen wolle. Natürlich war sie
erst einmal skeptisch. Als sie dann aber andere westliche Touristen traf, die
schon mal als Statist gearbeitet hatten, lies sie sich doch auf das Abenteuer
ein. Mit dem Nachtzug wurde sie nach Kerala gebracht- nicht Bollywood sondern
Maluwood stand an. Am Set war dann viel Hektik, aber die Statistin wartete nur
und wurde am Ende doch nicht gebraucht. Zurück am Ausgangspunkt wurde sie dann
einige Tage später für eine Tamil Soap Opera angeworben und nach Chennai
gebracht. Diesmal hatte sie sogar eine Sprechrolle und das Warten endete
tatsächlich in einer Aufnahme. Langsam schien sie gefallen am Statisten-Dasein
zu bekommen und lies sich ein paar Wochen später überreden bei einem Telugu-Film
mitzumachen. Mehre westliche Touristen sollten hier Joga-Schülerinnen
darstellen. Ihnen gefielen aber die Arbeitsbedingungen nicht, sie legten sie
sich mit dem Manager an und verließen unter abenteuerlichen Bedingungen den
Drehort.
Die SeminarteilnehmerInnen folgten gespannt den Ausführungen von Corinna. Es reizte sie aber doch zu einigen kritischen Bemerkungen. So fragten sie sich zum Beispiel, warum Weiße in den Filmen als Statisten gebraucht würden. Einige hinterfragten auch kritisch die Motivation der Touristen. War es für sie nur ein Abenteuer? Warum haben sie sich über die Arbeitsbedingungen aufgeregt?
Eine kurze Umfrage über den indischen Lieblingsfilm der TeilnehmerInnen ergab dann eine große Bandbreite von klassischen Bollywoodfilmen wie "Dil Se" über Filme, die auch im Westen erfolgreich waren wie "Monsoon Wedding", und solche die in der Diaspora entstanden sind wie "Bhaji on the Beach" bis zu anspruchsvollen indischen Spielfilmen wie "Fire" und Dokumentarfilmen wie "Ram ke nam". Hier setzte am nächsten Tag Ruby Sircar in ihrem "Überblick über das Bombay-Cinema der letzten 50 Jahre" an. Aufbauend auf eigener wissenschaftlicher und künstlerischer Arbeit stellte sie Filme und ihre Rezeption in der Diaspora vor. Wie nicht anders zu erwarten war, fing sie mit dem Klassiker "Mother India" von 1957 an, und nahm die TeilnehmerInnen auf einen faszinierenden Gang durch die Entwicklung des indischen Kinos. Viele sahen so zum ersten mal Szenen aus Filmen wie "Scholay" von 1975 oder "Awara" von 1951. Ruby gab auch einen Einblick in ihre Arbeit - künstlerische Projekte rund um Identität und Filme in der Diaspora, in denen sie auch mit Medienschaffenden aus Großbritannien zusammenarbeitet.
Die
anschließende Diskussion zeigte eine überraschende Polarität in der Gruppe.
Einige waren wie Ruby mit den indischen Filmen aufgewachsen, kannten die Musik
und Geschichten. Andere hatten noch gar keinen Bollywood-Film gesehen.
Anschließend gingen die TeilnehmerInnen in zwei Arbeitsgruppen. Eine
beschäftigte sich intensiv mit den älteren indischen Filmen, insbesondere mit
dem Schauspieler Raj Kapoor und seinem Film "Awara". Die andere setzte sich
anhand der beiden britisch-indischen Filme "Bend it like Beckham" und "East is
East" mit neueren Entwicklungen und der Bedeutung von Filmen für die Diaspora
auseinander. In den Präsentationen am Sonntagmorgen war klar zu sehen, dass
sowohl die alten wie die neuen Filmen bei den TeilnehmerInnen Fragen von
aktuellen Bezug ergaben.
Am Ende war eines auf jeden Fall klar: Bollywood ist weit mehr als Tanzen und Musik.