Veröffentlichungen von Urmila Goel

Person of Indian Origin

erschienen in: Südasien, 4/04, 73-74. (Text als pdf )

„The Government of India has revised the PIO Card Scheme … aimed at making the journey back to your roots, simpler, easier, flexible and absolutely hassle free. The PIO Card will entitle you to a set of privileges.” (Ministry of Home Affairs, 19.07.2002)

Ich bin eine Person indischen Ursprungs, das habe ich nun auch schriftlich. Seit Juli 2003 besitze ich eine PIO Card, damit ich mich – wie der indische Staat meint – problemlos auf den Weg zu meinen Wurzeln machen kann. Deswegen habe ich sie allerdings weniger beantragt. Ausschlaggebend war eher, dass ich zum drittenmal in zwei Jahren ein Visum für Indien beantragen musste. Das aber war jedes Mal alles andere als hassle free und so nahm ich mir den PIO Card-Antrag, den sie mir beim letzten Mal im Konsulat gegeben hatten, und füllte ihn aus. Leider ging auch das wieder nicht hassle free oder sagen wir besser, es dauerte wieder eine Ewigkeit, und mein Reisedatum rückte immer näher. Es hat dann aber wie immer ganz knapp geklappt und ich reiste im August 2003 zum erstenmal als Person of Indian Origin nach Indien ein. Am Flughafen gab es wie versprochen einen eigenen Schalter für PIO Card-Besitzer und Diplomaten. Ich weiß gar nicht mehr, ob er damals besetzt war. Bei meinen Reisen seither war er aber immer geschlossen und ich musste mich trotz meiner neuen Karte mit allen anderen Reisenden in die nicht enden wollende Schlange einreihen.

Ganz so weit her ist es mit den Privilegien der PIO Card irgendwie noch nicht. Am Flughafen kennen sie sie wenigstens, auch wenn das weiter keinen Unterschied macht. Im restlichen Land scheint sie völlig unbekannt. In jedem Hotel musste ich erstmal erklären, dass ich kein indisches Visum habe, da ich ja eine PIO Card besitze. Das war den Angestellten gar nicht so einfach, verständlich zu machen. So bewahrheitete sich, was Raju* mir in Delhi gesagt hatte: „Immer wenn es wichtig wird, dann kennen sie die PIO Card nicht.“ Raju ist wie ich zwar mit indischer Staatsbürgerschaft geboren, wurde dann aber in Deutschland eingebürgert und hatte 2003 die PIO Card beantragt. Seit mehreren Jahren lebt er in Delhi und arbeitet für eine internationale Organisation. Mit der PIO Card dachte er, würde er mehr Rechte haben. Bisher hat er davon aber noch nichts gemerkt.

Die Formalia

Eine PIO Card kann jeder bekommen, der oder die selber einmal einen indischen Pass hatte, deren/dessen Vater, Mutter, Großvater, Großmutter oder einer seiner beziehungsweise ihrer Urgroßeltern in Indien geboren wurde und dort seinen oder ihren ständigen Wohnsitz hatte, oder der oder die Ehepartner eines indischen Staatsbürgers oder einer Person of Indian Origin ist.

Für 15 Jahre muss eine so offiziell anerkannte Person of Indian Origin keine Visa für Tourismus, Studium oder Arbeit beantragen. Sie hat weitgehend die gleichen Rechte wie Non-Resident Indians, also jene indischen Staatsbürger, die nicht in Indien leben. Es gibt allerdings einige kleinere wirtschaftliche Einschränkungen und die Gleichheit gilt nicht für politische Rechte. Teil der explizit aufgeführten Privilegien ist auch die beschleunigte Abfertigung bei der Einreise. Die Karte kostete zu Beginn eintausend Euro und ist zur Zeit in Deutschland für 320,- Euro zu haben.

Die zweite Generation und die PIO Card

Im Rahmen meiner Forschungsarbeit habe ich zahlreiche Inderinnen und Inder der zweiten Generation zur PIO Card befragt. Es sind noch nicht sehr viele, die sie kennen und noch viel weniger, die sie tatsächlich haben. Wie bei Raju und mir waren es bei Ashvin ganz pragmatische Überlegungen, die zu seinem Antrag geführt haben. Ashvin wurde als Kleinkind von Deutschen adoptiert und lebt seither als deutscher Staatsbürger hier. In letzter Zeit beschäftigt der Student sich intensiver mit Indien und fährt auch mehrmals im Jahr hin. Daher wollte er sich mehr Rechte in Indien sichern. Tatsächlich genutzt hat er allerdings bisher so wie ich nur die Visumfreiheit.

Für andere ist der praktische Nutzen der PIO Card nicht weiter entscheidend. Der amerikanische Unternehmensberater Hemant - mit Wahlheimat Deutschland - hat sie beantragt, damit er ein „offizielles Dokument der Zugehörigkeit zu Indien“ in den Händen halten kann. Die Idee findet auch die Lehrerin Ninder verlockend. Seitdem ihr indischer Vater gestorben ist, ist der Bezug zu Indien in ihrer deutschen Familie fast nicht mehr gegeben. Sie will aber nicht, dass er ganz verloren geht und in „drei Generationen keiner mehr weiß, warum ab und zu ein Nachfahre dunkler ist“. Praktischen Nutzen verspricht sie sich von der PIO Card nicht, denn ein Visum bekäme sie auch so.

Die PIO Card als Dokument der Zugehörigkeit stößt allerdings nicht bei allen aus der zweiten Generation auf Zustimmung. Die Indologin Ranji findet die Idee zwar zunächst interessant, um ihr Gefühl der Zugehörigkeit zu dokumentieren, aber bei genauerem Überlegen missfällt sie ihr. Sie findet „für Zugehörigkeit zu zahlen, ist unschön“, und sie reist zu selten nach Indien, als dass der praktische Nutzen sie reizen könnte. Mary geht in ihrer Ablehnung noch weiter. Als 18-Jährige hatte sie den Antrag auf deutsche Einbürgerung gestellt und damit den schweren Schritt getan, die indische Staatsbürgerschaft abzugeben. Die hätte sie gerne wieder, denn „Indisches“ ist genauso wie „Deutsches“ Teil von ihr. Die PIO Card kann dies für sie aber nicht symbolisieren. Im Gegenteil, sie würde sie wie einen Stempel: „Ausländer in Indien“ empfinden, denn damit würde offiziell dokumentiert, dass sie keine Inderin mehr sei.

Die doppelte Zugehörigkeit zu Deutschland und Indien würden viele meiner InterviewpartnerInnen demgegenüber gerne durch eine doppelte Staatsbürgerschaft symbolisiert sehen. Die PIO Card wird von den meisten nicht als ein zufriedenstellender Ersatz hierfür angenommen. Ihr Wunsch wird sich aber auf absehbare Zeit nicht erfüllen. Indien erlaubt die doppelte Staatsbürgerschaft zwar inzwischen für all jene Länder, in denen sie zugelassen ist. In Deutschland ist dies aber offiziell nicht der Fall.

PIO Card im Praxistest

Auch bei mir – so wie vermutlich bei Raju und Ashvin - waren nicht alleine praktische Gründe ausschlaggebend bei meinem Antrag gewesen. Etwas verbindet mich mit Indien und meine PIO Card trägt dabei eine Bedeutung. Sie gibt mir zum Teil meinen indischen Pass wieder. Der wurde mir von den indischen Behörden abgenommen, als ich 16 Jahre alt war und ihn verlängern wollte. Als deutsche Staatsbürgerin wurde mir das nicht gewährt. Gerne würde ich mit meiner PIO Card in Indien beweisen, dass ich nicht einfach eine Ausländerin bin, dass ich auch weiterhin irgendwie Inderin bin.

Bei meiner letzten Reise über Weihnachten hat das aber so gar nicht geklappt. Am Flughafen war der Sonderschalter geschlossen, in den Hotels kannte keiner die PIO Card und sonst konnte ich sie nirgendwo vorführen. Überall wurde ich gefragt, woher ich komme und meine Antwort, ich sei aus Haryana – von dort stammt mein Vater - wurde nie akzeptiert. Meine unterstellte Fremdheit wurde am plastischsten, als ich mit Raju zusammen eine Autorikscha in Delhi suchte. Der Rikschafahrer sprach die ganze Zeit mit Raju auf Hindi, was dieser aber noch weniger verstand als ich, und mit mir nur auf Englisch. Eine indische Frau kann wohl nicht so aussehen wie ich.

Zugehörigkeit zu Indien wurde mir allerdings auf einem anderen Wege zuerkannt. Wenn ich meinen Pass vorlegen musste, stolperten die Leserinnen häufig über meinen Namen. Urmila Goel ist ein eindeutig indischer Name und so wurde ich immer wieder gefragt, ob ich Inderin sei. Interessant, dass mein deutscher Pass diese Frage aufwirft.

Zur Autorin: Urmila Goel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Sie arbeitet derzeit an einer wissenschaftlichen Analyse zu Staatsbürgerschaft und Integration. Da die Zitate aus ihrer Feldforschung stammen, sind sie anonymisiert. Von ihr stammen mehrere Beiträge in „Südasien“ zu „Südasiaten im Ausland“.
 

© Urmila Goel, www.urmila.de 2005